Das Erwachen der Rezo-Generation: Welche Lehren Unternehmen vom Versagen der Volksparteien ziehen können

Das Erwachen der Rezo-Generation. Rezo trifft vor der Europawahl mit seinem Video einen Nerv. Welche Lehren Unternehmen daraus ziehen können erfahren Sie hier.
In der Regel sind es Zitate von Politikern oder Skandale, die im Vorfeld einer Wahl für Aufruhr sorgen. Bei der Europawahl war es ein bis dato weitgehend unbekannter Youtuber, der mit seinem Video einen Nerv traf − und die Regierungsparteien damit gehörig auf dem falschen Fuß erwischte. Ein Rückblick mit Ausblick auf Marken.

Knapp eine Stunde dauerte das Video, mit dem Rezo wenige Tage vor dem Urnengang plötzlich zum Gesprächsthema Nummer eins wurde. Millionenfach wurde es angeklickt, geteilt und kommentiert. Damit widerlegte er gleich ein wesentliches Vorurteil: Die Jugend von heute ist nicht politikverdrossen. Rezo und viele Youtuber-Kollegen, die kurze Zeit nach dem besagten Video nochmals einen Aufruf starteten und davon abrieten, CDU, SPD und AfD zu wählen, sind zu einem Großteil Anfang oder Mitte 20.

Dabei hätten die Parteien das „Erwachen“ der Jugend kommen sehen müssen. Mit der Klimakrise hat sie ein Thema gefunden, für das sie seit Monaten auf die Straße geht, und das weit über deutsche Grenzen hinaus. Die Schwedin Greta Thunberg ist das unverwechselbare Symbol dieser Bewegung, die mit ihrer Hashtag-Strategie „Fridays for Future“ innerhalb von sechs Monaten eine globale Bewegung begründet hat.

Mehr noch: Social Media, die die „Rezo-Generation“ von YouTube über Twitter bis Instagram einwandfrei beherrscht, ist teilweise mächtiger geworden als etablierte Kommunikationskanäle. Um dies zu erkennen, war ein Rezo nicht nötig. Barack Obama gilt als der erste Politiker, der Social Media erfolgreich genutzt hat, um Massen zu überzeugen, die ihm vertrauen und wählen. Der „Arabische Frühling“, auch bekannt als Arabellion, wäre ohne Social Media undenkbar gewesen. Seit über zehn Jahre können die etablierten Parteien und ihre Strategen auf kleine und große Beispiele blicken, die eins zeigen: Menschen kommunizieren heute anders.

PDF statt echter Antwort

Wie haben die Regierungsparteien, allen voran die CDU, auf das Rezo-Video reagiert? Zunächst einmal gar nicht. Sie ignorierten das Video schlicht. Erst, als es nicht mehr nur auf Youtube Gesprächsthema war, sondern von fast allen einschlägigen Medien aufgegriffen wurde, äußerten sich die ersten, verunsichert wirkenden Unionspolitiker. Notdürftig wurde Rezo ein Gespräch angeboten, schließlich wurde ein Video vom jungen Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor angekündigt, der wohl aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Rezo-Generation und einigen Videos, die auf Social Media viral schossen, in den Ring als Gegengewicht zu Rezo geschubst werden sollte. Das Video wurde aber dann doch zurückgezogen.

Stattdessen wurde mehr als eine Woche nach Erscheinen des Beitrags ein 11-seitiges, aus reinem Text bestehendes PDF-Dokument ins Netz gestellt. Die Parteiführung wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte, das wurde von Tag zu Tag immer deutlicher.

Worauf kommt es also an?

Auf zwei Dinge kommt es im Internet und noch mehr in den sozialen Medien im Wesentlichen an: Format und Schnelligkeit. Mit einer Textwüste auf der eigenen Website, die mit einer Woche Verzögerung hochgeladen wird, kann man nicht bei vielen punkten, geschweige denn sie erreichen. Erst recht nicht junge Menschen, sogenannte „digital natives“, die mit dem Internet groß geworden sind. Sie folgen Influencern, die mittlerweile viel Geld verdienen, liken Hashtags, teilen Storys. Auch wenn es nicht seine Absicht war, Rezo erteilte im Grunde allen Parteien, besonders den Volksparteien, eine Lehrstunde hinsichtlich Kommunikation, wie sie heute wirklich praktiziert wird.

„Warnschuss“ für Unbeteiligte

Der schleichende Niedergang der einstigen Volksparteien hängt nicht nur, aber auch mit ihrem Online-Auftritt zusammen. Schon die AfD hat die sozialen Medien vor Jahren für sich entdeckt und ist dort viel präsenter als SPD und Co.

Jene Parteien, die allein wegen dessen Länge nicht im Video vorkamen, sollten nicht wie Schüler aufatmen, wenn der Lehrer jemand anderes nach vorne bittet, um eine Aufgabe zu lösen. Es ging Rezo schließlich auch nicht in erster Linie darum, die Parteien für ihre mangelhafte Online-Präsenz zu kritisieren.

Im übertragenden Sinne müssen in den letzten Wochen bei Unternehmen, Vereinen und Behörden die Alarmglocken geschrillt haben. Wollen sie, dass ihre Marke(n) auch online gesehen, geliket und kommentiert werden, sollten sie sich schnellstens ihre Strategie für die digitale Welt vor Augen führen. Der Fall Rezo demonstrierte auf erstaunliche Weise, dass sie ihre digitalen Marken-Werte nachhaltig aufbauen, auf kluge Weise etablieren und sich auf Kritik gefasst sein müssen.